Die Geschichte, von der ich berichten muß, geht weiter, während ich schreibe; die Personen der Handlung sind noch am Leben und tätig; es ist ein Stück Gegenwartsgeschichte im genauesten Sinne. Und dennoch – bei aller Aktualität, und der Rolle, die Post und telegraphische Depeschen und Panzerkreuzer in ihr spielen, leiten sich die Vorstellungs- und Verhaltensweisen der eingeborenen Akteure noch aus der Zeit vor dem Römischen Reich her. Sie sind Christen, Kirchgänger, Hymnensänger bei der Familienandacht, wackere Cricketspieler; ihre Bücher sind in London gedruckt bei Spottiswoode, Trübner oder der Tract Society; doch in nahezu jeder anderen Hinsicht sind sie Zeitgenossen unserer tätowierten Vorfahren, die mit ihren Streitwagen auf der falschen Seite des Hadrianswalls* fuhren. Wir haben das Feudalsystem hinter uns – sie haben noch nicht einmal das patriarchale überwunden. Wir stecken mitten in der Epoche der Geldwirtschaft – sie im Zeitalter des Kommunismus. Und das macht es schwer, sie zu verstehen.
Für uns mit unseren Vorstellungen von Feudalismus erscheint Samoa auf den ersten Blick als ein Land der Despotie. Ein komplexes Höflichkeitssystem kennzeichnet die Rangordnung bei den Polynesiern; zeremonielle Anreden schwingen sie so häufig wie Seeleute Flüche; ehrerbietig buckeln einfache Leute voreinander, wenn sie sich begegnen – ebenso wie Rotzbuben beim Murmelspiel. Und dem echten Häuptling ist eine ganze Privatsprache vorbehalten. Die gewöhnlichen Namen für Beil, für Blut, für Bambus, ein Bambusmesser, ein Schwein, Essen, Eingeweide und einen Herd sind in seiner Gegenwart so tabu, wie die gewöhnlichen Bezeichnungen für Ungeziefer und etliche Verrichtungen und Glieder des Körpers im Salon einer englischen Dame tabu sind. Spezialausdrücke sind reserviert für sein Bein, sein Gesicht, sein Haar, seinen Bauch, seine Augenlider, seinen Sohn, seine Tochter, seine Frau, den Ehebruch seiner Frau, seinen eigenen Ehebruch, seine Hütte, seinen Speer, seinen Kamm, seinen Schlaf, seine Träume, seinen Ärger, die wechselseitige Verärgerung mehrerer Häuptlinge, sein Essen, seine Freude am Essen, die Fütterung und Verspeisung seiner Tauben, seine Geschwüre, seinen Husten, seine Krankheit, seine Genesung, seinen Tod, seinen Transport auf einer Bahre, die Wiederausgrabung seiner Gebeine, und seinen Schädel nach dem Tode. Diese Halbgötter anzureden verlangt ein gewisses Maß an Wissen, und wer sich zum Besuch bei einem Großhäuptling anschickt, tut gut daran, sich der Kompetenz seines Dolmetschers zu versichern. Um das Bild zu vervollständigen: ein und dasselbe Wort bezeichnet die Aufsicht über eine Jungfrau und die Schutzwacht eines Häuptlings; und das gleiche Wort bedeutet »einen Häuptling verwöhnen« wie »ein Lieblingskind hätscheln«.
Menschen wie wir, voller Erinnerungen ans Feudalsystem, brauchen nur zu hören, daß ein Mann so angeredet, so umschmeichelt wird – und schon folgern wir, daß er von erblichem Adel ist und unumschränkt herrscht. Erblich ist der Adel wohl: aus großem Hause abstammend, muß jener immer ein bedeutender Mann sein – sein Amt indes hat er durch Wahl inne und, in geringerem Maße, durch gutes Benehmen. Man vergleiche dies mit einem Highland Chief: geboren als einer unter mehreren Großen seines Clans, wurde er bisweilen zu dessen Oberhäuptling und Versammlungsvater ernannt, wurde geliebt und respektiert und bedient und gefüttert, und wer ihm Loyalität erweisen durfte, der starb für ihn den Heldentod – und doch, wenn er die Clan-Gefühle hinlänglich beleidigte, drohte ihm die Absetzung. Was nun die Machtbefugnisse betrifft, so sind die Parallelen nicht gleichermaßen deutlich. Zweifellos macht der samoanische Häuptling, so er denn populär ist, großen Einfluß geltend – doch der hat seine Grenzen. Wichtige Angelegenheiten werden auf einem »fono« erörtert, d. h. in einem Eingeborenenparlament mit seinem Gepränge, seinen Festlichkeiten, endlosen Reden und höflichen genealogischen Anspielungen. Erörtert, sage ich – nicht beschlossen, denn selbst eine kleine Minderheit wird oft eine ganze Sippe oder Provinz zur Machtlosigkeit verurteilen. Inmitten solcher ineffizienten Versammlungen sitzt der Häuptling gewöhnlich nur schweigend da: als eine Art geknebeltes Auditorium für Dorfredner. Und ein Entscheid des »fono« scheint (für den Augenblick) ein endgültiger zu sein. Die unumschränkten Häuptlinge von Tahiti und Hawaii redete man schlicht als »John« und »Thomas« an; den Häuptlingen von Samoa schmiert man bis zum Überdruß Ehrenhonig ums Maul, aber Sitz und Umfang ihrer tatsächlichen Machtbefugnisse sind schwer auszumachen.