Ein Wort, auf eine weiße Seite geschrieben
Auf Guernsey war das Christfest des Jahres 182· ein bemerkenswertes Datum. Es schneite an diesem Tag. Auf den Kanalinseln ist ein Winter mit Frost und Eis schon denkwürdig, Schnee aber ist eine Sensation.
An diesem Weihnachtsmorgen war die Küstenstraße von Saint-Pierre-Port nach Valle völlig weiß. Es hatte von Mitternacht an bis zum Morgengrauen geschneit. Da es kurz nach Sonnenaufgang, gegen neun Uhr, sowohl für die Anglikaner noch zu früh war, zur Kirche von Saint-Sampson zu gehen, als auch für die Wesleyaner, sich zur Kapelle Eldad zu begeben, war der Weg beinahe menschenleer. Auf dem gesamten Wegstück zwischen den beiden Kirchtürmen befanden sich nur drei Passanten: ein Kind, ein Mann und eine Frau. Die drei bewegten sich in gewissen Abständen zueinander, und es gab sichtlich keine Verbindung zwischen ihnen. Das Kind von etwa acht Jahren war stehengeblieben und schaute neugierig auf den Schnee. Der Mann folgte in einer Entfernung von etwa hundert Schritten auf die Frau und war, wie sie, auf dem Weg nach Saint-Sampson. Er war noch jung und schien ein Arbeiter oder Matrose zu sein. Er trug Werktagskleidung: eine Joppe aus grobem braunen Tuch und eine Hose mit geteerten Beinschonern. Das deutete darauf hin, daß er, trotz des Feiertages, nicht die Absicht hatte, eine Kirche zu besuchen. Seine breiten, rohledernen Schuhe, deren Sohlen mit dicken Nägeln beschlagen waren, hinterließen im Schnee Abdrücke, die eher von einem Gefängnisschloß hätten stammen können als von einem Menschenfuß. Die Frau hatte offenbar schon ihre Kleidung für den Kirchgang angelegt; sie trug einen weiten wattierten Mantel aus schwarzer, grober Seide, und darunter ein Kleid aus irischer Popeline mit abwechselnd rosa und weißen Falbeln – ein ganz entzückender Aufputz. Und hätte sie keine roten Strümpfe getragen, hätte man sie für eine Pariserin halten können. Sie schritt frei und beschwingt aus, und dieser Gang, der noch nichts von der Schwere des Lebens hatte, verriet, daß sie ein junges Mädchen war. Ihre Haltung besaß jene flüchtige Anmut, die den zartesten aller Übergänge kennzeichnet: das Erwachsenwerden, worin sich zwei Dämmerungen – Abend der Kindheit und Morgengrauen des Frauseins – miteinander vermischen. Der Mann hatte kein Auge für sie.
Bei einem Wäldchen aus immergrünen Eichen, das an einen Garten stößt, an einen Ort namens Baisses Maisons (»Niedrige Häuser«), wandte sie sich abrupt um, und diese Bewegung veranlaßte den Mann, sie anzusehen. Sie blieb stehen, schien ihn einen Moment lang zu betrachten, bückte sich; und der Mann glaubte zu sehen, daß sie etwas in den Schnee schrieb. Sie richtete sich auf, machte sich wieder auf den Weg, verdoppelte ihre Schritte, drehte sich noch einmal um, diesmal lachend, und verschwand dann linkerhand auf dem heckengesäumten Pfad, der zum Schloß von Lierre führt. Als sie sich zum zweitenmal umgewandte, erkannte der Mann Déruchette, eine entzückende Tochter des Landes.
Er verspürte nicht das geringste Bedürfnis, sich zu beeilen, und erreichte einige Augenblicke später das Eichengehölz. Er hatte die inzwischen verschwundene Passantin schon vergessen; und wäre in dieser Minute im Meer ein Tümmler aufgesprungen oder hätte sich in der Hecke ein Rotkehlchen gezeigt, dann hätte dieser Mann wahrscheinlich seinen Weg mit Blick auf Meerestier oder Vogel fortgesetzt. Zufälligerweise hatte er aber seine Lider gesenkt, so daß sein Blick ganz von selbst auf die Stelle fiel, an der das Mädchen stehengeblieben war. Zwei kleine Fußstapfen hatten sich dort eingedrückt, und daneben las er das von ihr in den Schnee geschriebene Wort: Gilliatt.
Dieses Wort war sein Name.
Er hieß Gilliatt.
Er blieb lange reglos an dieser Stelle stehen, betrachtete diesen Namen, diese Spuren der Füßchen, diesen Schnee, dann setzte er nachdenklich seinen Weg fort.