Leseprobe

Buchcover

Sherwood Anderson

Pferde und Männer

Es war ein schwerer Schock für mich, einer von den allerbittersten, mit denen ich mich je abfinden mußte. Und das alles ist überhaupt nur durch mei­ne eigene Dummheit passiert. Sogar jetzt noch möch­te ich manchmal, wenn ich daran denke, heulen oder fluchen oder mir selber einen Tritt geben. Viel­leicht verschafft es mir sogar heute noch, nach so langer Zeit, eine gewisse Erleich­te­rung, wenn ich mich zum Gespött mache, indem ich davon erzähle.
Es begann um drei Uhr an einem Oktober­nach­mittag, als ich beim herbstlichen Trab- und Ga­lopp­rennen in Sandusky, Ohio auf der Haupt­tribüne saß.
Um die Wahrheit zu sagen, kam es mir schon ein bißchen dummerhaftig vor, daß ich überhaupt auf der Tribüne sitzen sollte. Während des Sommers davor war ich mit Harry Whitehead aus meiner Hei­matstadt fortgezogen und hatte mit einem Nigger namens Burt einen Job als Stallbursche bei einem der beiden Pferde angenommen, die Harry in dem Jahr zu den Herbstrennen einsetzte. Mutter heulte, und meine Schwester Mildred, die sich in dem Herbst um eine Stelle als Lehrerin in unserer Heimatstadt bewarb, tobte und schimpfte die ganze Woche vor meinem Aufbruch im Haus herum. Beide empfanden es als Schande, daß ein Mitglied unserer Familie eine Stellung als Stallbursche bei Rennpferden annehmen sollte. Ich denke mir, daß Mildred fürchtete, sie hätte keine Chance, die Stelle zu bekommen, für die sie so lange gearbeitet hatte, wenn ich den Job annähme.
Doch irgend etwas mußte ich ja schließlich ar­bei­ten, und eine andere Arbeit war nicht zu bekom­men. Ein großer, kräftiger neunzehnjähriger Bur­sche konnte nicht einfach im Haus herumlungern, und um anderen Leuten den Rasen zu mähen und Zeitungen auszutragen, war ich schon zu groß. Ir­gendwelche Knirpse, die den Leuten schon wegen ihrer geringen Größe sympathisch waren, schnapp­ten mir immer die Jobs weg. Da gab es einen Kerl, der allen, die einen Rasen gemäht oder einen Brun­nen saubergemacht haben wollten, immer erzählte, daß er sein Geld sparen müßte, damit er sich durchs College ackern könnte, und ich lag regelmäßig näch­telang wach und grübelte über Möglichkeiten, ihn zu verletzen, ohne erwischt zu werden. Wieder und wieder stellte ich mir vor, daß Waggons ihn überrollten oder daß ihm Ziegelsteine auf den Kopf fielen, wenn er die Straße entlangging. Aber er ist nicht wichtig.
Ich bekam den Job bei Harry, und ich mochte Burt sehr. Wir kamen glänzend miteinander aus. Er war ein großer Nigger, träge und schlaksig in den Bewegungen, mit einem sanften, freundlichen Blick, und wenn es zu einer Schlägerei kam, konnte er hinlangen wie Jack Johnson. Er hatte sich um Bucephalus zu kümmern, einen großen schwarzen Traberhengst, der 2.09 oder 2.10 laufen konnte, wenn es sein mußte, und ich sorgte für einen klei­nen Wallach namens Doctor Fritz, der den ganzen Herbst über kein einziges Rennen verlor, wenn Har­ry wollte, daß er gewann.
Ende Juli fuhren wir in einem Güterwagen mit den beiden Pferden von zu Hause los und waren dann bis Ende November dauernd unterwegs zu irgendwelchen Rennveranstaltungen oder Jahrmärk­ten. Es war eine prima Zeit, das kann ich wohl sagen. Manchmal denke ich jetzt, daß Jungens, die normal in Häusern aufwachsen und nie einen fei­nen Nigger wie Burt zum Freund haben und zur Oberschule und aufs College gehen und niemals etwas klauen oder sich mal einen antrinken oder von Burschen, die es können, lernen, wie man flucht, oder vor der Haupttribüne anmarschiert kom­men in Hemdsärmeln und dreckigen Stall­hosen, wenn die Rennen im Gange sind und die Haupttribüne voller Leute ist, die alle fein ange­zogen sind – was nützt es, darüber zu reden? Solche Burschen haben doch von nichts ‘ne Ahnung. Sie hatten einfach nie eine Chance.