[# 1832]
Eine Kundin um die fünfzig: hager, blass, graublond, langhaarig, bezopft. Ihr schulterfreies, salatbuntes Sommerkleid verrät eine Leidenschaft fürs Batiken. Sie fragt: – Kann es sein, dass das Haus vibriert?
Eigentlich nur im Weihnachtsgeschäft. Ich schüttle den Kopf: – Tut mir leid, mir ist nichts aufgefallen.
Sie presst sich die Zeigefingerkuppen in die Augenwinkel, sagt: – Komisch, ich habe schon seit zehn Minuten das Gefühl, dass das Haus vibriert.
Sie nimmt die Hände wieder aus dem Gesicht, blickt mich an. Ihr Blick hat etwas Panisches. Ich frage: – Geht es Ihnen denn gut?
Nicht, dass sie mir an der Kasse zusammenklappt. – Ja, ja.
Sie schließt die Augen, horcht wohl kurz in sich hinein. – Fährt hier eventuell die U-Bahn unter dem Gebäude längs?
Ich zucke mit den Schultern: – Keine Ahnung, das entzieht sich meiner Kenntnis.
Sie seufzt. Ich sage: – Aber denkbar wäre es natürlich.
Das scheint sie ein wenig zu beruhigen. Sie sagt: – Na, ich bin so selten in der Stadt, vermutlich liegt es daran.
Oder an der kosmischen Strahlung und den Wechseljahren, wer weiß das schon. Ich sage: – Vielleicht haben Sie ja ein spezielles Sensorium für die Bewegung der Kontinentalplatten.
Sie guckt mich an, als könne ich Atome spalten. Dann dreht sie sich um und geht. Grußlos, und ich frage mich, ob unser Haus tatsächlich vibriert. Natürlich tut sich manchmal der Boden auf: doch das hat andere Gründe.