Mein Vater hatte wohl nie Liebe für mich empfunden oder Interesse an mir gehegt. Er hatte sich einen Sohn gewünscht, und ich glaube, er hat mir mein unglückliches Geschlecht nie ganz vergeben. Dass ich überhaupt als sein Kind geboren worden war, betrachtete er als betrügerische Anmaßung, und da seine Abneigung mir gegenüber ihren Ursprung in einem Mangel hatte, der zu schwerwiegend war, um ihn zu beheben, hatte ich nie auch nur die geringste Hoffnung darauf, in seinen Augen Anerkennung und Gnade zu finden. Meine Mutter mochte mich wohl so sehr wie jeden anderen Menschen, doch war sie eine Frau von maskuliner und profaner Gemütsart. Für Schwächen hatte sie weder zärtlichen Trost noch Sympathie übrig, selbst die natürliche Empfindsamkeit einer Frau war ihr fremd, und mir gegenüber gab sie sich herrisch, manchmal sogar grob. Man kann also verstehen, dass ich in der Gesellschaft meiner Eltern nichts finden konnte, was mir den Verlust meiner Schwester ersetzt hätte.
Ungefähr ein Jahr nach ihrer Hochzeit erhielten wir Briefe von Mr. Carew mit Berichten über den gesundheitlichen Zustand meiner Schwester, die zwar nicht wirklich erschreckend waren, uns aber dennoch schwere Sorgen bereiteten. Die am häufigsten beschriebenen Symptome waren Appetitlosigkeit und Husten. Die Briefe schlossen mit der Bemerkung, dass Carew gerne auf die wiederholten Einladungen meines Vaters und meiner Mutter, einige Zeit in Ashtown zu verbringen, eingehen würde, zumal der hinzugezogene Arzt meiner Schwester nachdrücklich empfohlen hatte, ihrer Gesundheit wegen heimatliche Gefilde aufzusuchen. Beigefügt waren wiederholte Beteuerungen, dass man nichts zu befürchten habe, da man annahm, dass ein Leberleiden der hauptsächliche Ursprung von Symptomen war, die auf Schwindsucht hinzudeuten schienen.
Entsprechend dieser Ankündigung kamen meine Schwester und Mr. Carew nach Dublin, wo eine der Kutschen meines Vaters sie erwartete, um an dem Tag und zu der Stunde abzufahren, die ihnen genehm war. Es war verabredet, dass Mr. Carew, sobald der Tag ihrer Abreise von Dublin unwiderruflich feststand, meinem Vater schreiben sollte, der die Absicht hatte, für die letzten beiden Etappen seine eigenen Pferde einzusetzen, auf deren Geschwindigkeit und Sicherheit man sich eher verlassen konnte als auf diese gewöhnlichen Postkutschenpferde, welche in jenen Zeiten fast ausnahmslos in erbarmungswürdigem Zustand waren. Die Reisestrecke von ungefähr neunzig Meilen musste geteilt werden; die längere Strecke wurde für den zweiten Tag aufgehoben.
Am Sonntag erreichte uns ein Brief, dass die Reisenden Dublin am Montag verlassen und wie verabredet am Dienstag Abend in Ashtown eintreffen würden. Dienstag kam, der Abend brach an und keine Kutsche traf ein. Es wurde dunkel und immer noch gab es kein Anzeichen unserer erwarteten Besucher. Eine Stunde nach der anderen verstrich, und schon war es nach zwölf; die Nacht war bemerkenswert ruhig, kaum ein Lüftchen regte sich, so dass ein Geräusch wie jenes eines schnell nahenden Gefährts schon aus einer beträchtlichen Entfernung hörbar gewesen wäre. Fieberhaft lauschte ich nach solchen Klängen. Mein Vater pflegte jedoch das Haus bei Einbruch der Nacht abzuschließen, und da die Fensterläden nun verriegelt waren, konnte ich die Auffahrt nicht mehr im Auge behalten, wie ich es gern getan hätte.
Es war beinahe ein Uhr und wir hatten schon fast aufgegeben, unsere Gäste noch in derselben Nacht zu sehen, als ich meinte, das Rattern von Wagenrädern zu vernehmen, allerdings so leise und von fern, dass ich mir zunächst nicht sicher war. Das Geräusch kam näher, es wurde lauter und deutlicher. Im nächsten Augenblick war es still. Dann hörte ich das schrille Quietschen des rostigen Eisentores, das an der Einfahrt zur Allee geöffnet wurde. Wieder hörte ich die Wagenräder, die schnell näherkamen.
»Sie sind da«, rief ich und sprang auf. »Die Kutsche ist in der Auffahrt.« Wir lauschten eine Zeitlang und hielten den Atem an. Das Fahrzeug näherte sich donnernd und schnell wie der Wind: Das Knallen der Peitsche, das Rattern der Wagenräder auf der unebenen Einfahrt zum Hof, das wilde Bellen und der allgemeine Aufruhr unter den Hunden des Hauses begrüßten seine Ankunft. Wir eilten in den Empfangssaal hinunter und kamen rechtzeitig an, um den scharfen, metallischen Ton zu hören, der mit dem Ausklappen der Kutschenstufen einhergeht, sowie das geschäftige Stimmengewirr, das vom Ende einer Reise kündete. Die Eingangstüre wurde aufgestoßen und wir traten allesamt vor, unsere Gäste willkommen zu heißen.
Der Hof war völlig verlassen. Das helle Mondlicht beleuchtete die Landschaft ringsum. Man sah nichts außer den großen Bäumen mit ihren langen gespenstischen Schatten, die nun vom mitternächtlichen Tau benetzt waren. Wir blickten ungläubig von links nach rechts, als wären wir gerade aus einem Traum erwacht. Die Hunde trotteten misstrauisch schnüffelnd und knurrend im Hof umher und zeigten durch ihr plötzlich und gänzlich verstummtes, eben noch so lautes Bellen und indem sie ihren Schwanz zwischen die Beine klemmten, wie sehr ihnen die Angst in die Glieder gefahren war. Wir warfen uns verwunderte und unglückliche Blicke zu, und ich glaube, ich habe nie zuvor so viele bleiche Gesichter auf einmal gesehen.